4 The Third Dance 1 © Efrat Mazor beschnitten
Niv Sheinfeld + Oren Laor in "The Third Dance" © Efrat Mazor

Dreißig oder
Von einer Topographie der Hochbegabten

„naTo. MANöVER. 92. Eine Wortkette.“ war die erste Überschrift, die wir in einem Programmheft formulierten. Kaum mehr als eine Verortung. Der Untertitel unseres ersten Festivalvorhabens „MANöVER 92“ - von dem niemand wusste, wo es hinführen könnte und würde - dagegen hieß „Freies Theater in Europa“. Immerhin ein Verweis darauf, womit man sich beschäftigen wollte. Als selbst produzierendes Theaterkollektiv in einer Nebenschiene als Veranstalter. Nach Impulsen suchend, nach Öffentlichkeit, nach Austausch und Kooperation.

In den fast dreißig Jahren danach hat sich naturgemäß sehr viel verändert. Kaum jemand gebraucht heute noch den Herkunft und Denkrichtung kennzeichnenden Zusatz „Off“. Immer seltener wagen Künstlerkollektive, intensiv Gedachtes ernsthaft zu befragen und existenziell zu performen. Häufig geht es darum, einem rasant wechselnden Zeitgeist gerecht zu werden, nicht zuletzt deshalb, weil entsprechende Fördertöpfe locken. Auch wenn unsere Neugier auf Entdeckungen ungebrochen ist, gewisse Abnutzungserscheinungen der Kunst- und Produktionsform „Freies Theater“ kann ein Festival wie MANöVER/Off Europa europaweit durchaus bezeugen.

Wenn sich der Blick von „Off Europa“ ein wenig in Richtung Performance bis Tanz verschoben hat, ist dies auch dem Umstand geschuldet, dass wir auf unseren meist an Länderkosmen gebundenen Sichtungen selten Theaterinszenierungen fanden, die zwingend zeigenswert gewesen wären. Falls doch, waren es Meilensteine, wenn nicht Meisterstücke. So wie einzelne Aufführungen von Plavo pozorište aus Belgrad, von Aleš Kurt aus Sarajevo, Ani Vaseva aus Sofia, Montažstroj aus Zagreb, dem Blitz Theater aus Athen, von Hódworks aus Budapest. Und auch die erweiterten bereits die Begrifflichkeit „Theater“, waren Forschung oder Dokumentation, Utopie oder Desillusionierung, Choreographie oder Exzess, intensiv bis schmerzhaft poetisch. Entstammend der Tradition eines Theaters von Recherche und/oder kollektiver Entwicklung.

3 Die Rache 1 © Martin Špelda
Fast ein Stummfilm: "Die Rache" des tschechischen Ausnahmeensembles "Handa Gote" © Martin Špelda

Auch wenn wir skeptisch sind und es immer wieder in Frage stellen: Das Theater ist am Leben. Nicht das Theater eines nach Beschäftigung suchenden und uninspiriert geförderten Durchschnitts. Nein, das von hoch begabten, unorthodox denkenden, das Leben kennen wollenden, das Leben liebenden Künstlerpersönlichkeiten. Das der leidenschaftlichsten Autor:innen und Ingenieur:innen der Bühnenkunst, von denen wir die Ehre haben, in dieser Ausgabe eine Auswahl zu präsentieren.
—> aus dem Vorwort des Programmheftes

Nachsatz zur Verschiebung in den Oktober
Leider haben wir durch die Corona bedingte Verschiebung in den Oktober drei Aufführungsorte und auch drei der ursprünglich ausgewählten Aufführungen verloren. Zwei davon, den wundervollen Tanzabend „Graces" der Company von Silvia Gribaudi aus Italien und die klug konzipierte Performance „Likes" von Núria Guiu Sagarra aus Barcelona, werden wir im nächsten Jahr nachholen. Neu im Programm ist mit „Everywhen" eine multimediale Tanzinstallation aus Bratislava von und mit Soňa Ferienčíková + Kolleginnen. Und es gibt in Chemnitz und Leipzig, im Weltecho und in der naTo, zwei Konzerte mit WoWaKin aus Polen, die bereits im Mai 2020 Corona zum Opfer gefallen waren.

—> zum Programm