In Concert
Premiere in Leipzig, LOFFT, 20. Januar 2001

Nina Lili web sw

Ich habe so wenig gelebt, dass ich zu der Vorstellung neigte, ich würde niemals sterben; kaum zu glauben, dass sich ein Menschenleben auf so wenig beschränken kann. Man stellt sich immer vor, dass früher oder später doch noch etwas passieren wird.
(Michel Houellebecq)

Morrissey: Last night I dreamt that somebody loved me...

Joe Jackson: Not here, not now.

„In Concert“ beginnt da, wo „Play Off“ (der 4. Teil von „4 COMPILATION“, Premiere Januar 2000) nicht weiterwollte. Thesen wurden gebrüllt, Houellebecq geflüstert, Filmschnipsel gezeigt. Es wurde körperlich gearbeitet, Geld verteilt, es wurde auch geweint. Sehr schnell, sehr theoretisch. Jetzt wird, sehr langsam, weitergedacht. (Nicht mehr klauen, weniger zitieren, unbedingt einiges samplen.) „Play Off“ war Oberfläche. „In Concert“ ist flächige Projektion von Innenleben.

Presse
Auf den Blick kommt es an. Auf die Perspektive. Zu „In Concert“ wird man auf den Technik-Balkon der Bühne im LOFFT geführt. Man muss hinunter- oder besser: hineinschauen in den Theaterraum der Bild-Ton-Collage von Knut Geissler & Gästen. Der Zuschauer blickt auf Distanz, in eine Art Abgrund der Einsamkeit, umhüllt, kaschiert, eingelullt von einem Klangteppich. Voyeur des Oberflächlichen. Er kann von verschiedenen Standpunkten auf eine Fläche schauen, eine Art Laufsteg, in vier Parzellen unterteilt. Darin: vier Einzelmenschen. Der Boden der Bühne als Wand, flächig. Eine dritte Dimension hängt in Form von zwei Bildschirmen über der Bühne. Geissler und Gäste bieten ein eindrucksvolles Parallelspiel, eine konzertante Aktion exemplarischer bildlicher und tonaler Projektion. Die Figuren haben etwas alltäglich Lapidares, selbstverständlich Verzweifeltes. (...) Das Spiel ist stumm, Ausdruck erfolgt über Tanz, Pantomime, simple Darstellung, teilweise bewusst nicht gespielt. Vor allem die Performance von Vava Stefanescu besticht durch außerordentliche Körperbewegung. In jeder kleinen Regung scheint hier die Ausweglosigkeit der Einsamkeit ausgedrückt. Unterlegt ist die Szenerie mit einer kühlen Klangmontage. Nachrichten, Musikfetzen, Frequenzsalat, Hörschnee. (...) Am Ende steht ein dreistimmig vorgetragenes mährisches Volkslied in einer Meer-Projektion. Mähren liegt nicht am Meer. (...) Vielleicht kann man das Gesehene als eine partikulare Studie der Einsamkeit bezeichnen und als Versuch, die Isolation zu durchbrechen. Oder zumindest auszubrechen, sei es zueinander, sei es einfach nur raus aus dem individualistischen Hamsterrad. Was in „Play Off“, das als Vorläufer der Inszenierung genannt wird, eher theoretisierendes, unausgegorenes Hantieren mit Videospielzeug war, reift bei „In Concert“ zu einer beachtlichen Bild- und Klangbeschreibung, die viel interpretatorischen Raum nach oben und unten offen lässt. (...) Ein Laufsteg technisierter Einsamkeit, der im Schlusschoral mit dem Volkslied ein saftiger Batzen Erde ins Halbleitergesicht geworfen wird.
(Thomas Magosch, KREUZER, Leipzig)

Am Anfang war der Soundtrack. Die Tonspur dauert 36 Minuten. Sie ist Zeitmaß und Taktgeber. Und sie ist das einzige, was alle Zuschauer mitkriegen. Ansonsten müssen sie wählen zwischen verschiedenen Handlungsflächen. (...) Zwischen beiden streckt Andreas Müller die Arme wie Flügel, winkelt die Beine an, versucht zu fliegen. Er klettert am Ende übers Dach und kappt die Antenne von Vavas Fernseher, als wolle er die Realität aus erster Hand einklagen. Und Zlata steht auf wogendem azurnem Wasser und singt ihr Heimweh weg.
„In Concert“ bietet eine Überdosis lyrischer Bilder. Voll Zeitgeist und Sehnsucht, doch temporeich und unsentimental. Faszinierend.
(Hendrik Pupat, Leipziger Volkszeitung)

Eigenwilliges konnte man von Knut Geißler sehen, der mit „In Concert“ Perspektiven stürzte und vom Technikbalkon auf ein multimediales Patchwork aus vier Parallelexistenzen blicken ließ.
(Sven Crefeld, Theater der Zeit)

Beteiligte
Perfor
mer: Zlata Potyková, Vava Stefanescu, Andreas Albert Müller, Jürgen Salzmann
Gesang: Štěpánka Benešová und Kateřina Varmuzová

Computerspiele, Chat und Video: Jürgen Salzmann
Ausstattung: Andreea Mincic
Sound und Inszenierung: Knut Geißler

Gefördert vom Kulturamt der Stadt Leipzig und durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen.