Szene Baltikum II


Noch ein Gipfeltreffen:
Alle drei Regisseure, die vor nunmehr 17 Jahren bei MANöVER 95 (Off-Theater und Tanz aus Ljubljana) im Leipziger Werk II gastierten sind beteiligt an einer lettisch-slowenischen Gemeinschaftsarbeit der Produzenten Lettisches Theaterinstitut (Riga) und Bunker (Ljubljana), die am Sonntag, dem 13. Mai im Dresdner Societaetstheater gezeigt wird.


Während Matjaž Pograjc schon damals der auch diesmal beteiligten Company BETONTANC vorstand und mit "Every Word A Gold Coin's Worth" und "Know Your Enemy", im oktoberkühlen Leipzig erstaunliche Empathie und in Teilen Begeisterungstürme auslöste, beeindruckte der Choreograph und Tänzer Branko Potočan in und mit "Who drew the Ski-Jump for Mr. Stanko", einem athletisch bis gefährlich vertanzten Alpenpanoptikum. Der Regisseur (und sehr gefragte) Bühnenbildner Tomaž Štrucl blieb mit seiner Juppy/Model-Studie "Cliopatra"etwas blasser, war und ist aber ein ebenso wichtiger Bestandteil des Theater/Tanz/Performance-Kosmos der slowenischen Hauptstadt.

showyourface

Stefan Kanis schrieb Ende 1995 für Theater der Zeit:
Das Konzept der MANöVER-Festivals scheut Weltläufigkeit um ihrer selbst Willen wie das gebrannte Kind das Feuer. Es begibt sich auf die Suche nach Inszenierungen, die auch und gerade in hoher Künstlichkeit, von der Präsenz des Außerkünstlerischen inspiriert, spiritualisiert, auch vergewaltigt werden. (...) Das Festival wechselt jährlich zwischen deutschen Off-Theater-Produktionen und einer konzeptuell focusierten Umschau im Ausland. Diese Konturierung ist noch jung, verspricht allerdings fruchtbarer zu werden als der Gemischtwarenladen des großen, ungleichen Leipziger Bruders euro-scene. Das 95er Festival unternahm den Versuch, aus der reichen Szene Ljubljanas, Hauptstadt des als Nationalstaat jungen Sloweniens, einen repräsentativen Querschnitt vorzustellen.

Mit BETONTANC ist Spitzenniveau des europäischen Bewegungstheaters vertreten, die Gruppe tourt weltweit. Die Compagnie Branko Potocan gehört zum Spektrum einer sich auf hohem Niveau formierenden, eine eigene Sprachlichkeit ausprägende Tanzszene. Die angry kids des Glej-Theaters schließlich erweisen sich als die sterilen Darsteller ihrer eigenen Schönheit, wie sie das Programm unumwunden ankündigt. Ihre „Show“ dürfe gerade deshalb bei einer halbwegs vollständigen Repräsentation der theatralen Verständigungsformen Ljubljanas nicht außer Acht gelassen werden. Selbst die unbeholfene Affirmation der MTV-Kultur, in der sich die angry kids gefallen, spiegelt noch etwas von den Qualitäten, die in ganz anderer Ausprägung und Meisterung die beiden anderen Compagnien auszeichnen: Beschäftigung mit Inhalten, mit Sujets heißt hier zuallererst Überwindung des alltäglichen Umgangs, der alltäglichen Form, diese Probleme, Inhalte zu denken und zu artikulieren.
Die einprägsamste Sprache findet dabei die seit 1990 zusammenarbeitenden Akteure von BETONTANC. (...)

BETONTANC ist eine vergleichsweise junge Gruppe. Der große Preis beim internationalen Choreographiewettbewerb in Bagnolet mit „Every Word A Gold Coin’s Worth“ 1992 öffnete den Slowenen den Zugang zu den großen Festivals, rückte eine Region ins europäische Interesse, die seit den 80er Jahren wohl ausschließlich mit dem Exportartikel „NSK“, der Neuen Slowenischen Kunst, verbunden wurde. Drei Jahre später hat BETONTANC nun einen zweiten Teil erarbeitet: „Know Your Enemy!“ ist mehr als die optische Drehung der Wand. Es ihre Auflösung als ideologische Regel, als nationale und familiäre Struktur. 1995 – Ljubljana ist im Westen angekommen, fast.
Regisseur Matjaz Pograjc will ein Theater, das schreit, nicht spricht. Schreien und Erzählen begegnen sich in der Körpersprache von BETONTANC. Der Grat ist schmal, die Berührung des einen durch das andere gelingt nicht immer. Es ist eine Arbeitshaltung, die durch ihren sensiblen, unprätentiösen Ernst überzeugt, wenngleich sie sich kritischen Fragen des Publikums nach der Vorstellung kaum öffnet.

150 Leute haben sich in Leipzig die beiden Vorstellungen angesehen. Dem Auswärtigen scheint das gering, zur Premiere von „Know Your Enemy!“ waren in Hannover an zwei Abenden je 400 Menschen gekommen. (...) Für die Messestädter ist „Off“ als ästhetische und kulturpolitische Kategorie, eine kleine Schar von Eingeschworenen ausgenommen, Terra incognita – es mangelt an gutem Beispiel. In Leipzig ist kein einziges Freies Theater ansässig, das überregional Bedeutung hätte. Ob die mit viel Idealismus in einem alten Kino installierte Schaubühne Lindenfels neue Akzente setzen will und kann, bleibt abzuwarten. Der Ruf des Poetischen Theaters, der ehemaligen Bühne der Universität, ist manchem wohl noch im Gedächtnis – allein, die heutige Arbeit kann an diese Qualität längst nicht anknüpfen. Dies muß nicht verwundern: Die Subventionspolitik der öffentlichen Hand treibt die Freie Theaterarbeit konsequent in die Selbstausbeutung. Von 200 Millionen jährlichem Kulturetat fließen lediglich 3,5 Millionen in die freie Kulturförderung. Davonbleiben für die Projektförderung Theater gerade mal 120.000 DM übrig!
Nicht einmal genug, um den Status quo zu halten. Von Entwicklung ganz zu schweigen. Auch der Hauptförderer des MANöVERS sitzt mit der Stiftung Kulturfons an der Spree. Die Bachstadt setzt unterm Signum der Tradition auf Musik(theater)förderung – alles andere bringt weniger Standortprestige und rangiert unter ferner liefen. Diese Situation spiegelt sich im Negativ gerade in der euro-scene Leipzig. Mit dem merh als zehnfachen Etat des MANöVERS zeigt dieses Festiavl jährlfich im Herbst „zeitgenössisches europäisches Theater“. Zu sehen sind, wie auf etlichen anderen Festivals auch, Tanztheater und –Performances aus Europa. Nicht mehr und nicht weniger. (...)

Der vollständige Text von Stefan Kanis findet sich hier...

Über die aktuelle Arbeit schrieb die Chicago Tribune:
BETONTANC zeigt Gewalt als Wirklichkeit der Welt und Zärtlichkeit als den Zustand der Seele. (...) Ich kann den rätselhaften und furchtbar traurigen Star von SHOW YOUR FACE einfach nicht vergessen, obwohl der Typ eine Puppe ist und nicht einmal ein Gesicht hat.