Im Kreuzer im September


Fragen von Mathilde Lehmann und Antworten von Knut Geißler im Zusammenhang mit einem Artikel im Septemberheft des Leipziger Kreuzer.

Jedes Jahr wird bei Off Europa freie darstellende Kunst aus einem anderen Land Europas vorgestellt. Dieses Jahr ist das Thema: Discover Bulgaria. Wie kam es dazu?
Bulgarien stand schon lange auf der Liste. Bei der Balkan-Tanz-Plattform 2007 in Athen waren Bulgaren wahrscheinlich nicht nur für mich eine Offenbarung; die formbewusstesten, kräftigsten Performer. Der Mut von Künstlern wie Ivo Dimchev oder Krassen Krastev, die formale Strenge von Galina Borissova haben Maßstäbe gesetzt. So etwas verfolge ich. Und lerne gern auch die kennen, die an so etwas anknüpfen.

Plakatmotiv Off Europa 2014 beschnitten
Ausschnitt aus dem Plakat. Foto: Boriana Pandova. Gestaltung: Gabi Altevers

Mit welchen Kriterien entscheiden Sie über die Auswahl der Produktionen, die zu sehen sein werden? Welche ästhetischen Schwerpunkte werden gesetzt?
Das hat viel mit Balance zu tun. In einer Bandbreite zwischen experimentellem Tanz und Dokumentarfilm. Was ich dann auswähle ist vor allem eine Abwägung: Was ist auffällig, was kann etwas erzählen, zeigt etwas über das Land, die dortigen Umstände? Was davon ist nachempfindbar? Auch weil es bei mancher Produktion Sprach- oder Verständigungsbarrieren gibt oder sie zum ersten Mal nach Westeuropa reist. Das geht bis hin zu Unterschieden in der Rezeption in Leipzig und Dresden. In Leipzig so meine Empfindung ist das Publikum in den letzten Jahren wieder neugieriger geworden.

Wie organisiert sich Theater in Bulgarien - Stadttheater, freie Szene, kann mit unseren Begriffen überhaupt analog hantiert werden?
Das ist genauso getrennt, also sehr ähnlich. Einschließlich einiger „Nischen“ an Stadttheatern wie der hiesigen „Residenz“ in der Spinnerei, wo versucht wird das Publikum etwas zu verjüngen oder „Hippness“ anzutäuschen. Der große Unterschied ist, dass in (Süd)Ost-Europa das Freie Theater oft als das zeitgenössische oder gar das „Neue Theater“ bezeichnet wird. Da gibt es trotz schlechter Arbeitsbedingungen viel Selbstbewusstsein. Ich rede natürlich von großen Städten, größer als Leipzig und von gut ausgebildeten Künstlern.

Können Sie einen Vergleich anstellen zwischen zeitgenössischem Tanz in Bulgarien und woanders? Gibt es denn, wenn, eine Tendenz (formal oder inhaltlich) vor Ort?
Noch deutlicher als hier sammeln sich die Unruhegeister, die Charismatiker in den Hauptstädten. Und da gibt es wenig Unterschiede zwischen Sofia, Bukarest oder Belgrad. Es ist ein Kommen und Gehen, viele Künstler arbeiten zeitweise im Ausland, so dass alles nicht wesentlich anders funktioniert oder aussieht als in Westeuropa. Man hat weniger Geld, klar, muss also etwas mehr improvisieren, vielleicht. Aber gerade das atmet große Freiheit.

Gönnen Sie mir einen Ausblick - welche Länder würden Sie gerne als nächstes dem Publikum in Leipzig und Dresden Zugang verschaffen und warum?
Ich habe mich gerade von der Idee Ukraine verabschiedet. Der nächste Stop wird Kroatien sein. Für MANöVER/Off Europa das letzte unentdeckte Stück Ex-Jugoslawien, weil das künstlerisch bisher am wenigsten auffällige. Die Gründe sind immer die gleichen: Neugier auf Menschen und ihre (Arbeits)Umstände. Und Hoffnung auf interessantes Theater.

Die Fragen stellte die Autorin Mathilde Lehmann im Juli 2014.