Knut Geißler auf Fragen zu Sichtung und Programm


Während des Lockdowns, im April, als noch nicht klar war, ob das Off Europa: Identität Polska" stattfinden kann oder nicht, führten die polnische Tanzkritikerin und Kuratorin Anna Królica und Festivalleiter Knut Geißler eine längere Unterhaltung via eMail.
Hier die Antworten von Knut Geißler zu Sichtung, Organisation und Programm.


Anna Królica:
Chciałam ciebie jeszcze zapyta, o kryteria twoich wyborów, kiedy myślałeś i tworzyłeś program?
Ich möchte Sie gern nach den Kriterien fragen, als Sie über das Programm nachgedacht und es entwickelt haben?

Knut Geißler:
Bei Off Europa geht es in jedem Jahr vor allem darum, zu beobachten, zuzuhören, zu erfühlen, was das jeweils ausgewählte Land ausmachen könnte. Mit einem Blick von Außen, vom Jemandem, der zunächst wenig weiß. Ein möglichst langes Tasten, so aufgeschlossen wie möglich, ohne Erwartungen, ein allmähliches Ansammeln von Wissen. Ein langsamer Prozess, der auf seine Reife wartet - und am Ende auf Veröffentlichung drängt.
Abgesehen davon ist das Land nur ein äußerer Rahmen, ein Anlass, ein Bezugsrahmen, der ab irgend einem Moment etwas von seiner Wichtigkeit verliert, das Programm im besten Fall nur noch sanft umgibt. Wenn die ersten Arbeiten ausgewählt sind, treten die Künstler in die erste Reihe, ihre Geschichte, ihre Arbeitsbedingungen, beinahe automatisch bildet sich eine Art Koordinatensystem, wo sich alle folgenden Arbeiten einreihen, platziert werden, eine Art Erzählung beginnt sich herauszubilden mit der ein Kurator oder Programmgestalter zunehmend weniger zu tun hat. Er/sie tritt sozusagen hinter dem Ergebnis seiner Recherche zurück. Also... es gibt keine festen Kriterien. Bei Off Europa geht es um anhaltende Neugierde. Um Suchen und Finden.

Tanzplattform Bytom Iza Szostak Balet koparyczny
Iza Szostak: Balet koparyczny (Ballett der Bagger) auf der Polnischen Tanzplattform 2017 in Bytom
© Festival Off Europa / Knut Geißler


Anna Królica:
Jak odczytujesz narracje, stworzoną dzięki Twoim zaproszeniom konkretnych artystów i ich spektakli na festiwal Off Europa? Jaki obraz może zobaczyć widz/publiczność?
Wie lesen Sie die Erzählungen, die durch Ihre Einladungen bestimmter Arbeiten zum Festival Off Europa entstanden sind? Welches Bild kann das Publikum sehen?

Knut Geißler:
Es sind Segmente von Gesellschaft, auch Zeitläufe, die ich hier abgebildet sehe. Das bereits angesprochene „Polska“ von Agata Maszkiewicz beleuchtet eine gewisse Ratlosigkeit mit der eigenen Identität, schon Wojtek Ziemilski geht mit zehn Jahren Abstand in „Essence of Poland“ völlig anders, anders selbstbewusst mit seinem Land um. Agata Maszkiewiczs „Taki pejzaż“ erweitert diesen Blick noch einmal in die Zukunft, sucht nach Verbündeten und Kommunikation, hat also ganz klar utopisches Potential. Insbesondere Renata Piotrowska-Auffret erzählt in „The pure gold is seeping out of me“ sehr viel über polnische Gegenwart, die immer natürlich auch eine (mittel)europäische ist, Sicher werden nur wenige Zuschauer ein solches Festival mit all seinen Aufführungen verfolgen, und werden solche Bögen nicht immer nachvollziehen können. Aber immerhin die Möglichkeit ist gegeben. Die Spuren sind ausgelegt.

Anna Królica:
Jak wyglądał proces poznawania polskiej sceny tańca i poszukiwania konkretnych twórców lub ich spektakli do Twojego programu Off Europa Festival?
Wie war der Prozess des Kennenlernens der polnischen Tanzszene und der Suche nach bestimmten Künstlern oder ihren Arbeiten für Ihr Off Europa Festival-Programm?

Knut Geißler:
Wie gesagt war das eine lange Reise. Von großen Festivals zu vielen kleineren, kuratierten Veranstaltungsreihen und einzelnen Aufführungen. Viele Gespräche, Videostudium von älteren Aufführungen. Man prüft zunächst alles, wovon viele Leute reden. Muss sehen, ob es tatsächlich Sinn macht, so etwas dann im Ausland zu zeigen. Oft ist eine unbekanntere, vielleicht auch kleinere Arbeit interessanter, aussagefähiger, mutiger. Diese allerdings muss man erst einmal finden.

Anna Królica:
Czy polscy choreografowie są dobrze znani w Niemczech? Czy Off Europa Festival ma dodatkowe zadanie, aby odkryć przed widzami nieznaną jeszcze część tanecznej społeczności, i jej sposobami odczuwania, przeżywania i komentowania rzeczywistości?
Sind polnische Choreograph:innen auch in Deutschland bekannt? Hat das Off Europa Festival auch die Aufgabe, den Zuschauern bisher unbekannte Bereiche der Tanzszene vorzustellen und zu zeigen, auf welche Art und Weise gefühlt, erlebt und die Wirklichkeit kommentiert wird?

Knut Geißler:
Natürlich sind polnische Künstler in Westeuropa unterwegs. Aber außerhalb besonders interessierter, eingeweihter Kreise sind sie selten bekannt. In diesem Sinne machen wir als Festival auch keinen Unterschied zwischen etablierteren und weniger bekannteren Künstlern. Junge, aufstrebende Künstler zu finden und zu fördern ist immer wunderbar, aber auch für die bekannteren ist Off Europa ein guter Ort, ihre Arbeiten einem neugierigen, vorurteilsfreien Publikum zu präsentieren.

Anna Królica:
Jak zmieniła pandemia Twoją koncepcję festiwal?
Wie hat die Pandemie Ihr Festivalkonzept verändert?

Knut Geißler:
Ich will nicht zu viel versprechen, die Unsicherheit bleibt. Falls sich die Verschiebung in den Oktober realisieren lässt, werden wir das Programm in Leipzig und Chemnitz weitgehend erhalten können. In Dresden konnten wir keine Ersatztermine finden, so dass die Gastspiele dort überwiegend ausfallen müssen. Das trifft vor allem „Dobre wychowanie“ und „This Is A Musical“. „Kukulka“ kann möglicherweise nachgeholt werden, während es „The pure gold is seeping out of me“ nun nur noch in Leipzig geben wird. Das ist für alle Beteiligten sehr traurig und insbesondere der Vernetzungs- und Nachhaltigkeitsgedanke des Festivals wird etwas beschädigt. Die Hoffnung auf den Oktober in Leipzig und Chemnitz ist immerhin ein kleiner Trost.