„Die Tragödie und ihr Abbild" (LVZ)


Stellvertretend für die vielen Besprechungen von „Mapping Israel“ hier der Abschlussbericht in der „Leipziger Volkszeitung“ von Steffen Georgi.

Es ist gleich der erste, groß und dick gedruckte Satz, der im Programmheft zum Off-Europa-Festival zu lesen ist, das am Sonntag zu Ende gegangen ist: „Gute Kunst ist immer auch politisch.“ Und so sehr man diesem markant postulierten Primat des Politischen gern widersprechen möchte, so sehr muss man zugeben, dass das schier eine Unmöglichkeit ist, wenn die Kunst wie zum diesjährigen Festivaldurchlauf mit „Mapping Israel“ aus einem Land kommt, dessen Wahrnehmung von diesem Politik-Primat geradezu okkupiert ist. Die Vermessung eines (europäischen) Landes mit den Mitteln der darstellenden Kunst; das Erstellen einer künstlerischen Kartographie abseits des ästhetisch Offiziösen und plakativ Repräsentativen: Das ist seit je das entscheidende Wesens- und Qualitätsmerkmal von Off Europa. Ein Entdecker-Festival in bester und mehrfacher Hinsicht. Und man muss genau das immer wieder erwähnen, weil eben auch genau das für einschlägige Festivals mitnichten selbstverständlich ist. Die Mühe echten Entdeckens – und die große Lust an dieser Mühe. Wer sich über die Wirklichkeit nicht hinauswagt, der wird keine Wahrheit erobern – es ist nicht ganz uninteressant, wie gut sich israelische Gegenwarts-Bühnenkunst ausgerechnet durch das Perspektivspektrum des deutschen Idealismus betrachten lässt. Und sei es in jenen Umkehrungen, die davon sprechen, wie jedwede Wirklichkeit nur noch von der potenziellen Künstlichkeit jedweder Wahrheit spricht. Von deren Kunst-Fertigkeit im Sinne eines „Bereitseins, Kunst zu werden“.
„It’s All Good“ war gleich die zweite Bühnenshow des Festivals. Eine Inszenierung von und mit Rotem Tashach, in der der Künstler in einem von ihm kreierten Hybriden zwischen Tanz, Comedy-Talk und Lichtbilder-Vortrag an einer Stelle Théodore Géricaults Gemälde „Das Floß der Medusa“ mit dem Foto eines kenternden Flüchtlingsbootes im Mittelmeer konfrontiert. Hier ein Schiffsuntergang als Melodram im malerisch pathetischen Gestus der Romantik, dort die journalistische Momentaufnahme eines brutal alltäglichen Gegenwartsdramas. Dazwischen: der kräftige Wahrnehmungsreflex der Ästhetisierung. Denn man mag staunen oder auch erschrecken, wie schnell man, zumal im Kontext von Tashachs perfide scharfsinnigem Tanz-Sprech-Spiel, das Foto mit den Verzweifelten auf dem kieloben treibenden Flüchtlingsschiff nach bildkompositorischen Gesichtspunkten zu betrachten beginnt. Dass auch Géricaults Kunstwerk eine reale Tragödie aus der Zeit der napoleonischen Kriege schildert, ändert daran nichts. Im Gegenteil. Und denkt man diese Aspekte bei einer dritten Projektion mit, nämlich Magrittes berühmtem Bild einer Pfeife mit der Unterschrift „Das ist keine Pfeife“, fliegt einem der Titel dieser Performance als bitterer Hohn um die Ohren. Man sieht die Tragödie – und darunter steht, das ist keine Tragödie. Alles ist gut. Vor allem sieht es gut aus. Um nicht „schön“ zu sagen. Wie in „It’s Always Here“. Zwei Tänzer (Avshalom Latucha, Adi Boutrous) in einem dialogischen Miteinander-Gegeneinander, das als Raumvermessung beginnt: als ein stoisch synchrones, die Bühnenfläche umkreisendes Stehen, Fallen, Abrollen, Stehen... Stringent dann der Übergang zum an- und aufeinander Balancieren, zum gegenseitigen Heben und Tragen. Zum ineinander Wachsen und Auseinanderreißen. Das alles geschieht in einer Selbstverständlichkeit, die als Natürlichkeit erscheint. Aber – natürlich – akkurate Inszenierung ist (Choreografie: Adi Boutrous), in deren Vertrautheit sich zugleich wie unvermeidliche Einsprengsel die Gesten der Gewalt, wie nebenher gezeigte Nahkampf-Figuren, einfügen. Selbst dann, so scheint es, wenn das Gezeigte explizit nichts Politisches enthält, ist es in ihm latent implizit. Ist eingeprägt bis in die Körpersprache. Gilt auch für das vermeintliche Unschulds- oder Opferspiel, das die Tänzerinnen Carmel Ben Asher und Roni Chadash in „Victims & Images“ vorführen. Als filigranes Gegen- oder Ergänzungsstück zu „It’s Allways Here“ wirkt „Victims & Images“ wie eine Verschleierungstaktik weiblicher Selbstbehauptung, bei der man wunderbar sehen kann, dass Zartheit nichts mit Schwäche und das Filigrane nicht zwangsläufig mit Gebrechlichkeit zu tun hat. Es ist immer hier, immer präsent; die Opfer und die Abbilder. Die Geschichte in der Gegenwart. In ihrer Tanzperformance „Local/not easy“ erklärt Iris Erez einmal, warum „Israel zum Fruchtbarkeitsimperium“, zur Hochburg der auch künstlichen Befruchtung wurde. Erstens natürlich wegen des biblischen Gebotes „Seid fruchtbar und mehret euch!“. Zweitens ob des demografischen Problems, das mit „dem immensen Unterschied in der Geburtenrate zwischen der arabischen und der jüdischen Bevölkerung zusammenhängt“. Und drittens wirke da noch, so spekuliert Erez in aller Lakonie, „wahrscheinlich das kollektive jüdische Bewusstsein der fehlenden sechs Millionen“. Um wieder beim deutschen Idealismus zu sein. Was jetzt nicht (nur) sarkastisch gemeint ist. Denn dass die Kunst die geschichtliche Wahrheit verbirgt wie die Urnen die Gebeine, wusste schon Schiller. Wie sich nun auch diese Gebeine durch Kunst beleben können, zeigte sich zu diesem Off Europa immer wieder. Mit Arbeiten, die sich weit über die lapidare Wirklichkeit des bloßen Polit-Primats hinauswagten, selbst dann, wenn sie explizit politisch artikulierten. Ein künstlerisch ausgesprochen geglückter Jahrgang. Einer mit erfreulich starkem Zuschauerinteresse ebenso.

Vorbericht Gespräch in der LVZ


Mit „Mapping Israel“ ist das diesjährige Off Europa-Festival überschrieben, welches heute Abend beginnt und für eine Woche ein üppiges Programm an Theater, Performance, Film und Musik, vor allem aber Tanz bereit hält. Und das einmal mehr nicht nur auf Leipziger Bühnen, sondern auch in Dresden und Chemnitz - und mit dem Fokus auf einem Land, dessen breite Wahrnehmung und Beurteilung in hohem Maße von politisch motivierten Emotionen und ideologischen Reflexen okkupiert ist. Dass es freilich auch anders, mithin differenzierter geht, zeigt jetzt „Mapping Israel“. Ein Gespräch mit Festivalleiter und Kurator Knut Geißler über Tanz, Politik, Schönheit und den unvoreingenommenen Blick.
Quelle: Leipziger Volkszeitung


Herr Geißler, Sie waren im Vorfeld zu Off Europa für drei längere Aufenthalte in Israel. Mit welcher Erwartungshaltung fährt man in so ein Land, zu dem ja jeder schon irgendwie eine Haltung zu haben scheint?
Ich muss sagen, ich war was Israel angeht vor allem neugierig und aufgeregt. Eine Erwartungshaltung in dem Sinne hatte ich tatsächlich nicht, bei keinem meiner Besuche dort. Hab ich aber auch sonst nie, wenn ich für Off Europa unterwegs bin. Mein Prinzip ist: Möglichst unvoreingenommen, mit offenen Augen und Ohren reisen und warten was passiert. Was einem begegnet, was man entdeckt. Wenn man das macht, schlägt Israel ziemlich zu.

Wo zuerst?
In Jerusalem, zur Jerusalem Dance Week. Die Ausstrahlungskraft dieser Stadt haut wahrscheinlich jeden Besucher zunächst um. Diese Ballung, auch an Konfrontation. Zwischen weltlich-religiös, ultraorthodox und liberal, jüdisch und arabisch, orientalisch und westlich. Und alles auf engstem Raum.

Spiegelt sich was von dieser konfrontativen Enge auch in den Arbeiten, die jetzt zum Festival zu sehen sind?
Ja. Wenn man etwa Tanzstücke wie „Rising“ oder „Habitat“ anschaut, lässt sich davon ganz klar etwas spüren. In „Habitat“ allein schon deshalb, weil die Tänzer Zuki Ringart und Uri Shafir gezielt Kontakt suchen, nah am Publikum agieren. „Rising“ wiederum ist eine Rückbesinnung auf kulturelle Wurzeln, im konkreten Fall auf die marokkanischen oder jemenitischen Einflüsse, die in Israel lange nicht wirklich wahrgenommen wurden.

Lange Zeit war Tanz in Israel ja eine vorrangig folkloristisch Angelegenheit der Traditionspflege. Inzwischen gehört das Land in punkto zeitgenössischem Tanz zur Weltspitze…
Ja. Es herrscht dort noch immer eine große Dynamik. Vor allem in der konsequenten Befragung des tänzerischen Körpers. Das hat was sehr vitales, packendes, manchmal was fast aggressives. Da spielt die gute Ausbildung mit hinein, die die Tänzerinnen und Tänzer in Israel bekommen - und an der sich wiederum der hohe Stellenwert zeigt den zeitgenössischer Tanz in dem Land hat.

Woher glauben Sie, rührt das?
Ich glaube, das hat dort wirklich was mit einer allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung zu tun, die damit begann, gezielt Fragen danach zu stellen, welche Identität man annimmt und wie man diese artikuliert. Über den Tanz lässt sich gut zeigen, was das meint: Denn wie ja schon gesagt - Tanz gab es in Israel über lange Zeit nur in einem vorrangig traditionell folkloristischen Kontext. Das hat sich stark geändert. Vor allem durch die Arbeit des Choreografen Ohad Naharin mit der Batsheva Dance Company. Da entstand eine völlig neue, heute in aller Welt gefeierte Bewegungssprache. Wie impulsgebend das war und ist, zeigt sich ja nicht zuletzt auch daran, wie viele interessante Künstler aus der Bathseva Dance Company bis heute hervorgehen. Wir starten das Festival also nicht umsonst mit „Mr. Gaga“, einem Dokumentarfilm über Ohad Naharin und seine Company.

Könnte diese Fixierung auf den Tanz auch eine Art Reaktion wider einer gerade ja im Jüdischen kulturell bedingten, extrem Identität konstituierenden „Oberhoheit“ des Wortes sein?
Das kann ich nicht beantworten. Aber ich habe eine Beobachtung gemacht- wenn man sich in Israel, zum Beispiel auf Festivals, mit Schriftstellern unterhält, merkt man sofort, die sind ganz klar und bewusst in ihren Vorstellungen und auch darin, wie sie die artikulieren. So, wie das auf ihre Art auch für die Tänzerinnen und Tänzer, für die Künstler überhaupt gilt. Und alle verstehen sich sehr stark als Israelis und Juden, diese Zusammengehörigkeit schwingt stets mit, wird stets mitgedacht. Wie kritisch auch immer.

Spielt da auch ein Bewusstsein von Stolz mit hinein?
Ich hab den Eindruck, die treffendere Kategorie ist eher ein Bewusstsein für Wehrhaftigkeit. Und ihre Notwendigkeit. Auch im Sinne eines selbstkritischen „Wir sind füreinander verantwortlich und wir müssen daran arbeiten, weniger Fehler zu machen.“ Das klingt zunächst seltsam wenn man zum Beispiel die Brutalität der Besatzungspolitik betrachtet, aber die Künstler sind eben nicht gleichzusetzen mit der Regierung.

Im Programmheft zum Festival ist von Ihnen der Satz zu lesen: Gute Kunst ist immer auch politisch. Wie explizit oder implizit zeigt sich das zu Mapping Israel?
Diese Festivalwoche zeichnet auf gewisse Weise auch meine Reise nach. Als all die Stationen dessen nämlich, was mir, wie ich eingangs schon sagte, dann in diesem Land passiert und begegnet ist; was es für mich dort zu entdecken gab. Wenn man so, will fängt das Festival explizit politisch an – und mündet am Ende in purer Schönheit.

Das Gespräch führte Steffen Georgi.

Trailer "Mapping Israel"


Nicht die großen Companies, nicht die großen Gesten. Der Trailer wirkt melancholisch, vielleicht etwas dramatisch, auch wegen der Musik. (Immerhin ist es Israel.)
Das Besondere: In allen neun Aufführungen sind die Autoren und/oder Mitautoren auf der Bühne. Künstlerinnen und Künstler, die genau wissen, was sie tun. Gut ausgebildet und reflektiert.
Und wenn Sie sie im Mai treffen, in Leipzig, Dresden und Chemnitz... unterhalten Sie sich mit ihnen. Danach wissen Sie mehr über das Land.


Der Trailer zu "Mapping Israel" ist der zehnte Festivaltrailer von Paul Blaudschun Video Editing für Off Europa.

Feat. (in order of appearance): Uri Shafir (+ Zuki Ringart), Rotem Tashach, Roni Chadash (+ Carmel Ben Asher), Ensemble Niv Sheinfeld & Oren Laor, Adi Boutrous (+ Avshalom Latucha), Shira Eviatar (+ Anat Amrani), Evyatar Said, Iris Erez, Yoav Bartel / home made ensemble

Die Musik wurde komponiert von Noa Ayali und gehört zu Roni Chadashs Choreographie "Victims & Images".


© Paul Gekeler, 2019

Programmheft zu "Mapping Israel"


Das Programmheft ist da. Gestaltung:
Gabriele Altevers.

Ein Click auf das Bild leitet Sie zum Gesamtprogramm des Festivals.
Über den Link darunter lässt sich das Programmheft im Browser ansehen - und wenn gewünscht downloaden.

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Programmheft Off Europa 2019 ansehen downloaden

Off Europa: Mapping Israel


Off Europa wird im Jahr 2019 Israel gewidmet sein. Bei mehreren Reisen über drei Jahre hinweg sichteten wir mehr als 150 Theater- und Tanzaufführungen.
Zwischen 21. und 26. Mai werden in Leipzig, Dresden und Chemnitz neun ausgewählte Arbeiten zu sehen sein.

Folgen Sie den weiteren Vorbereitungen gern via
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Hier das Hauptprogramm in Bildern.

Niv Sheinfeld & Oren Laor
You Happy Puppet in Leipzig, LOFFT - Das Theater + in Dresden, Societaetstheater
1 Tanz You Happy Puppet 2 by Gili Reich
Foto © Gili Reich

Rotem Tashach

It's All Good in Leipzig, LOFFT - Das Theater
2 Nachtprogramm It's All Good 1 by Dan Ben Ari
Foto © Dan Ben Ari

Shira Eviatar
Eviatar/Said in Leipzig, LOFFT - Das Theater + in Chemnitz, Komplex
3 Tanz Eviatar:Said 1 by Alexander Corciulo
Foto © Alexander Corciulo

Shira Eviatar
Rising in Leipzig, LOFFT - Das Theater + in Chemnitz, Komplex + in Dresden, Societaetstheater
4 Tanz Rising 1 by Tamar Lamm
Foto © Tamar Lamm

Iris Erez
Local/not easy In Leipzig, Theater der Jungen Welt + in Dresden, Societaetstheater
5 Tanz Local:not easy 2 Arale Hazamzam H-Boer
Foto © Arale Hazamzam H-Boer

Adi Boutrous
It's Always Here in Leipzig, LOFFT - Das Theater
6 Tanz It's Always Here 2 by Tamar Lamm
Foto © Tamar Lamm

Roni Chadash
Victims & Images in Leipzig, LOFFT - Das Theater
7 Tanz Victims & Images 1 by Orna Kalgrad beschnitten
Foto © Orna Kalgrad

Yoav Bartel / home made ensemble
Shall we dance in Chemnitz, Komplex + in Dresden, Societaetstheater
8 Theater Shall we dance 1 by Oren Shkedy beschnitten
Foto © Oren Shkedy

Uri Shafir
Habitat in Leipzig, LOFFT + in Chemnitz, Komplex
9 Tanz Habitat 1 by Efrat Mazor beschnitten
Foto © Efrat Mazor

--> zum Vorwort
--> zum Programm

Ab etwa 15. März werden alle Informationen zu den Aufführungen hier auf der Webseite zu finden sein. Anfang April wird das gedruckte Programmheft geliefert.
Bitte geben Sie uns ein Zeichen und wir senden es Ihnen zu.

Vorbericht in der LVZ


„Zwischen Griechenland und Israel liegt Ungarn. Zumindest was die Abfolge im traditionell auf einen Länderfokus ausgerichteten Off-Europa-Festival angeht, das in diesem Jahr mit „Open Hungary“ überschrieben ist und vom 21. bis 26 Mai stattfindet. Und dabei einmal mehr jeden wirklich Interessierten, der noch wirkliche Lust auf Theaterentdeckungen hat, in die jeweiligen Spielstätten locken sollte."

Vorbericht in der Leipziger Volkszeitung vom 18. Mai von Steffen Georgi.

Dass zu diesen Spielstätten nun nicht wie erhofft das neue LOFFT-Domizil auf der Baumwollspinnerei gehört, wo das Festival eigentlich eröffnet werden sollte, mag ein Wermutstropfen sein: „Das war eine schöne Idee, das hätte mir und dem LOFFT gut gefallen“ sagt dazu Knut Geißler, Kurator und künstlerischer Leiter des Off-Europa-Festivals. Aber die Spielstätte ist, wider allen Ankündigungen, eben noch Baustelle- und Geißler nicht wirklich überzeugt davon, dass das im nächsten Jahr (Länderfokus: Israel) wesentlich anders sein wird: „Ich sehe das LOFFT da noch nicht unbedingt an neuen Ort“ konstatiert Geißler lakonisch.
Dass nun der ohnehin eher peinliche Slogan vom Leipzig als dem „besseren Berlin“ vorrangig (und peinlicherweise) auf einschlägige Zeitverzögerungen bei städtischen Bauvorhaben zutrifft, soll hier und jetzt freilich kein Thema sein. Zumal für die zum Festival gezeigten Produktionen, die einen größeren, aufwendigeren Bühnenraum beanspruchen, Geißler einmal mehr das „Theater der jungen Welt“ gewinnen konnte: „Eine erfreulich gute Zusammenarbeit“ so Geißler.

Tanz Grace 4 by Daniel Domolky
Grace. Foto © Daniel Domolky

Im TdjW wird am 26. Mai das preisgekrönte Tanzstück „Grace“ zu erleben sein. Eine kraftvolle Inszenierung der Zerklüftungen zwischen Selbstzerstörung und Wiedergeburt; einer Neu- und Demontage auch des tänzerischen Ausdrucks und seiner Strukturen. Choreographin Adrienn Hód installiert in ihrem Stück den Zustand der Barmherzigkeit als Kreislauf zwischen Erhöhung und Absturz. Ein echtes Muss dieses Festivaldurchlaufs.
Allein schon wegen der thematischen Setzung spannend ist „Waiting for Schrödinger“; im Lofft (alter Standort natürlich) am 25. Mai zu sehen. Das so berühmte, wie irritierende Gedankenexperiment des Physikers Erwin Schrödinger („Schrödingers Katze“) offenbart sich hier als choreografisch- gruppendynamische Teilchenentfesselung zwischen Clownerie, Anarchie, Physik und Spaghetti-Western. Letzteres erklärtermaßen ebenfalls ein Bezugspunkt den Choreograf László Fülöp für seine Inszenierung ins Feld führt.
Nur zwei Beispiele aus einem Programm, das neben Theater, Tanz und Performance auch wieder mit einer Kinoschau und natürlich Diskussionsrunden aufwartet. In eine solche kann man sich gleich am Dienstag stürzen. Mit „Von Gewöhnung und Widerstand“ ist die überschrieben und findet im Anschluss einer Inszenierung statt, die den Titel „Ungarische Akazie“ trägt und sich damit auf ein Nationalsymbol des Landes bezieht.
Dass nun die Akazie generell zur Unterfamilie(!) der Mimosen(!)-Gewächse gehört und deren ungarische Variante eigentlich aus Nordamerika stammt, mag den Denkgestus der Inszenierung erahnen lassen: „Listig, witzig, poetisch und politisch pointiert“ nannte die eine Kritikerin. Schöne Steilvorlage für die anschließende Diskussionsrunde.
Auch angesichts jener Bestrebungen nach Deutungshoheiten, die ja wahrlich nicht nur in Ungarn grassieren. Geißler: „Die Vorstellungen einer bestimmten politischen Klientel, wie die Kunst oder die Nation und in Folge eine sogenannte nationale Kunst zu sein hat und wie nicht, ist nichts, was die Künstler interessiert. Und mich auch nicht.“
Natürlich formuliert sich darin auch ein Credo des Festivals: die Selbstbehauptung des individuellen Ausdrucks gegen jedwede Indoktrination. Und sei es die des Zeitgeistes. Es ist das Suchen nach einer künstlerischen Autonomie die ja auch eine Autonomie des Künstlers, des Individuums ist, die „Off Europa“ seit jeher auszeichnet. Bei „Open Hungary“ wird das nicht anders sein.

Interview im Kreuzer 5/2018


Fragen von Jana Nowak und Antworten von Knut Geißler für ein Interview im Heft 5/2018 im Leipziger Kreuzer.

Nach Griechenland steht nun Ungarn im Zentrum – wieso haben Sie sich für dieses Land entschieden?
Ich hatte Ungarn, genauso wie zuvor Griechenland, eine Zeit lang vor mir her geschoben. Ich wollte mich sozusagen nicht reflexhaft darauf stürzen. Politische Entwicklungen gehen an den Künsten nicht spurlos vorbei - und manchmal ist es sinnvoll, etwas abzuwarten. Das politische Moment an Off Europa ist am Ehesten, dass es Beschäftigung mit etwas einleitet, dass ein Raum entsteht, der Begegnungen mit einem Land, einer bestimmten Situation, mit Künstlern ermöglicht.

Wie steht es um die Theaterschaffenden in Ungarn? Und im Hinblick darauf, dass fünf von sieben der geladenen Produktionen von Frauen stammen – wie ist es als Theatermacherin dort zu arbeiten?
Die Regierung Orbán, und ihre Kulturpolitik, ist auch für Ungarn, die diese ablehnen, nun mal Realität. Es gab viel versuchte Einflussnahme, auf Orte, über neu eingesetzte Personen, und auf der anderen Seite gab es natürlich Widerstand. Eine ganze Generation Theatermacher hat sich an diesen Umständen abgearbeitet, im Moment ist es etwas ruhiger geworden. Die ungarischen Stadttheater stehen natürlich unter deutlich größerem Druck, unter anderer Beobachtung als Künstler, die in freien Konstellationen arbeiten. In diesem Bereich, der überschaubar ist und für eine Regierung wohl auch nicht sonderlich gefährlich, war formal und inhaltlich schon immer mehr möglich. Wie auch diese starken Frauen. Nach denen ich nicht explizit gesucht hatte. Wahrscheinlich ist ein weiblicher Blick auf eine sich „männlich“ gebärdende Gesellschaft immer interessant und ergiebig. Das war bei Off Europa 2012 im Falle der Türkei ähnlich zu beobachten.

Welche Erfahrungen werden in den Arbeiten thematisiert?
Die Inszenierung „Magyar akác“ (Ungarische Akazie) zum Beispiel ist hoch politisch, eine Theaterarbeit, die klug und frech und böse mit den Widersprüchen ungarischer Gegenwart spielt. Oder Valencia James, die als farbige Frau, als in Ungarn „fremd“ empfundener Körper, diese Ablehnung thematisiert. Die Choreographin Adrienn Hód dagegen verweigert sich einer Beschreibung von äußeren Umständen in ihren Arbeiten komplett und zeigt ihre Tänzer als entfesselt, entgrenzt handelnde Individuen.

Wollen Sie ein Bewusstsein schaffen für eine andere Seite Ungarns?
Mich interessieren Kulturräume. In diesem Sinne wäre es auch möglich gewesen, Ungarn aus der Slowakei oder Ungarn aus Rumänien mit in das Programm zu nehmen. Aber Ihre Frage weist in die entscheidende Richtung: Ich wollte eben jenen politisch etwas verfemten Staat Ungarn näher beleuchten. Über Menschen, die ihn auf eine andere, auf ihre Weise repräsentieren. Das heißt nicht, dass Politik dadurch ausgeblendet sein wird. Es wird viel zu erfahren sein, es lässt sich vieles hören und manches sehen. Und es wird jederzeit möglich sein, nachzufragen.

Nach welchen Kriterien haben Sie das Festival kuratiert? Gab es besondere Schwerpunkte?
Niemand kann ein Experte für dutzende von Ländern sein. Kuratieren ist so ein Angeberbegriff, ich sehe mich eher als Programmmacher. Im besten Fall kann ich Interesse wecken und Angebote schaffen. Ich bin schlicht neugierig und beharrlich, und versuche bei meinen Recherchen offen zu sein. Ich möchte lernen, entdecken - und diese Entdeckungen teilen. Ich glaube an gute, mutige, interessante Künstler und ihre Arbeiten. Und an ein Publikum das sich für sie interessiert.

26 Jahre Off Europa, 16 Länderschwerpunkte – worauf blicken Sie zurück?
Zuletzt waren es zehn Länderschwerpunkte hintereinander, das ist schon ziemlicher Wahnsinn. Von einem Sehnsuchtsland sofort hinein in den nächsten Tunnelblick. Ich bin sehr froh, dass sich die Szene der zeitgenössischen darstellenden Kunst, mit Live Art und Autorentheater, Performance und Tanz im internationalen Maßstab in den letzten Jahren so stark entwickeln konnte, dass Vernetzung und Austausch gut funktionieren. Und dass wir mit diesem speziellen Festival auf dieser Landkarte weiterhin vorkommen.

Trailer "Open Hungary"


Der zehnte Länderfokus hintereinander. Und der 9. Trailer von
Paul Blaudschun.

Song: „Nehéz / Hard“ aus dem Album „Awake in a dream“ von und mit „Meszecsinka“.
Meszecsinka spielen am 25. Mai im Societaetstheater in Dresden und am 26. Mai im LOFFT - Das Theater in Leipzig.


© Paul Blaudschun, 2018

Programmheft Off Europa: Open Hungary


Das Programmheft 2018 zu „Open Hungary" ist da.
Gestaltung:
Gabriele Altevers.

Ein Click auf das Foto leitet Sie zum Gesamtprogramm.
Über den Link darunter lässt sich das Programmheft im Browser ansehen (und ggf. downloaden).
Programmheft Off Europa 2018
Programmheft Off Europa 2018

Open Hungary - Open Chemnitz


Im September 2017 noch Griechenland - und im Mai 2018 schon Ungarn.
Gern hätte Off Europa den neuen Spielort des LOFFT auf dem Leipziger Spinnereigelände eröffnet. Unter anderem deshalb sind wir in den Mai gezogen. Nun ist die Eröffnung verschoben. Ab jetzt hoffen wir mit unserem Partner LOFFT, dass der Umzug noch in diesem Jahr stattfinden kann.

Worauf wir nicht mehr länger warten müssen ist eine Zusammenarbeit mit der Chemnitzer Spielstätte Komplex. Off Europa gibt es ab jetzt in Leipzig, Dresden und Chemnitz, also in allen drei sächsischen Großstädten. In diesem Jahr mit handverlesenen Gastspielen aus Ungarn. Vom 21. bis 26. Mai.
Hier das Hauptprogramm in Bildern.

Kristóf Kelemen / Bence György Pálinkás
Magyar akác - Ungarische Akazie in Leipzig, Dresden + Chemnitz
Theater Magyar akác by Krisztina Csányi web
Foto © Krisztina Csányi

cie.ooops Kata Juhász
Warm up - Bemelegítés in Leipzig
Tanz Warm up 1 by Gábor Gáspár
Foto © Gábor Gáspár

Veronika Szabó + Mummy`s Sloppy Honey
War Paint in Chemnitz
Performance Installation War Paint 2 by Lena Meyer
Foto © Lena Meyer

Zsuzsa Rózsavölgyi
1.7 in Leipzig + Dresden
Tanz Performance Lecture 1.7 1 by Gábor Dusa
Foto © Gábor Dusa

Valencia James
Between the World and Me In Leipzig + Chemnitz
Tanz Between The World And Me 1 by Roland Szabo
Foto © Roland Szabo

Timothy and the Things
Schrödingerre várva - Waiting for Schrödinger in Leipzig
Tanz Schrödingerre várva 1 by Zsófia Hevér
Foto © Zsófia Hevér

Hódworks
Grace in Leipzig
Tanz Grace 2 by Daniel Domolky
Foto © Daniel Domolky

Konzert
Meszecsinka in Dresden + Leipzig
Konzert Meszecsinka 3 by Elephant Studio Borisz web
Foto © Elephant Studio Borisz

--> zum Vorwort im Programmheft
--> zum Programm

Ab 15. März werden alle Informationen zu den Aufführungen hier auf der Webseite zu finden sein. Am 1. April wird das gedruckte Programmheft geliefert. Bitte geben Sie uns ein Zeichen und wir senden es Ihnen zu.